Vergängliche Vielfalt.

Oder: Biodiversität durch temporäre Blumenwiesen.

Vorwort

„Heiss, heisser, Kanada: Hunderte Todesfälle bei fast 50 Grad Celsius“ (NZZ, 2021). „Hitze, wie sie kein Mensch länger aushält“ (SZ, 2021). „Kanadisches Dorf brennt nach Hitzewelle nieder“ (ZEIT, 2021).

An Ereignisse und Schlagzeilen wie diese werden wir uns in Zukunft wohl gewöhnen müssen. Der weltweite Temperaturanstieg im Zeitraum von 1880 bis 2012, insbesondere aber der rasante Anstieg innerhalb der letzten Jahrzehnte, ist nachweislich auf den so genannten Treibhauseffekt zurückzuführen. Dieser leitet sich, wie inzwischen jedem bekannt sein dürfte, von der gesteigerten CO2-Konzentration in der Atmosphäre ab (UMWELTBUNDESAMT, 2021). Die Auswirkungen menschlichen Handelns lassen sich aber nicht nur im Ausland oder in der Atmosphäre beobachten, sondern direkt vor unserer Haustür. Beschleunigt durch den bereits erwähnten Temperaturanstieg, intensive Bebauung sowie Land- und Forstwirtschaft, nimmt die Vielfalt der Ökosysteme im Allgemeinen, aber auch die Vielfalt der Arten sowie deren genetische Vielfalt, stetig und nachweislich ab (STREIT, 2008). Darf man jüngsten Modellrechnungen der Universität Rostock Glauben schenken, so gehen selbst die Bestände häufig vorkommender Pflanzenarten in Deutschland um etwa 70% zurück (JANSEN, 2021). Betrachtet man dann das Zusammenspiel von Tier- und Pflanzenarten, werden Komplexität und Zerbrechlichkeit dieser Systeme offenbar: von jeder Pflanzenart sind im Schnitt etwa 10 bis 20 Tierarten abhängig (NAWRATH, 2018). In Regionen mit einem hohen Anteil an urbanen Siedlungsräumen, Industrieflächen und Agrarlandschaft wird der Artenrückgang besonders sichtbar (VON DER DECKEN, 2019). Trotzdem stoßen Maßnahmen zur Erhöhung der Biodiversität, ähnlich wie beim Ausbau erneuerbarer Energien, immer wieder auf Widerstand in der Politik und in der Bevölkerung.

Die Rückeroberung der Stadt

Seit über 10 Jahren beschäftigen wir uns mit Wildblumenwiesen im urbanen Kontext. Mit zahlreichen, von Menschen tiefgreifend überprägten Standorten, verfügt die Stadt als Lebensraum über ein enormes Potential in Bezug auf ästhetische Aufwertung, aber vor allem auf Erhöhung der biologischen Vielfalt. Dieses Potential möchten wir entfesseln und nutzen. Begonnen hat damals alles westlich von Leipzig, in Markranstädt. Der Versuch, die Brachflächen der Gemeinde in eine extensive Wiesenlandschaft zu verwandeln, stieß, nicht zuletzt wegen mangelnder Kommunikation aller Beteiligten und unnötiger „Pflegeeingriffe“, bei den Anwohnern auf wenig Gegenliebe: eine wichtige Erfahrung, die sich noch heute bezahlt macht. Ganz anders war die Resonanz auf das Blumenwiesenfest in Borna wenige Jahre später. In Kooperation mit der hiesigen Wohnbau- und Siedlungsgesellschaft wurden ausgewählte Flächen des Wohnumfeldes im Hochhausviertel in blühende Sommerwiesen verwandelt. Im Rahmen des Festes konnten sich große und kleine Anwohner, neben anderen Angeboten, spielerisch über „ihre“ Wiese informieren. Für alle Beteiligten ein riesen Erfolg. Unterdessen haben wir unzählige solcher Projekte in ganz Deutschland realisiert: von fünf bis zu mehreren 1000 Quadratmetern, von Privatgärten zu Kindergärten und Siedlungen. Und jährlich werden es mehr Anfragen. Sowohl die steigende Akzeptanz als auch die positive Resonanz haben uns dazu veranlasst, das Ganze auf ein wissenschaftliches Fundament zu heben. Zusammen mit regionalen Saatgutproduzenten unterhalten wir nunmehr zwölf Versuchsflächen auf denen wir an neuen Mischungen für intensive, extensive, einjährige, mehrjährige sowie regionale und überregionale Blumenwiesen für unterschiedlichste Standorte arbeiten. Das Gestaltungselement „Blumenwiese“ ist seitdem ein fester Bestandteil all unserer Planungen, egal ob Klimaquartier, Spielplatz, Bildungseinrichtung oder städtische Infrastruktur- und Verkehrsfläche. Für das Jahr 2021 stellen wir außerdem 25 Schulen oder Kitas jeweils Saatgut für 10 Quadratmeter Sommerblumenwiese kostenlos zur Verfügung.

Blühende Aussichten

Besonders in Deutschland führt falsch verstandener Naturschutz immer wieder zu emotionalen Debatten über Neophyten oder das Für und Wider von regionalem Saatgut, ohne dabei die Lebensräume Stadt und freie Landschaft zu differenzieren. Auch unsere Blumenwiesen sind in diesem Zusammenhang immer wieder Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Darüber freuen wir uns ebenso wie über Lob und Zuspruch. Denn aus früheren Projekten wissen wir, dass unabhängig von wissenschaftlichen oder fachlichen Faktoren vor allem ein Punkt ausschlaggebend ist: die Akzeptanz in der Bevölkerung. Deshalb suchen wir das Gespräch und sind dankbar für jede neue Anregung oder Anfrage. In Anbetracht der klimatischen Entwicklungen können wir mit Blumenwiesen allein die Innenstädte nicht zukunftsfähig gestalten. Aber sie sind ein wichtiger Baustein und ein intelligentes Werkzeug um deren Symptome zu lindern und um die bevorstehenden Veränderungen zu kommunizieren. Außerdem sind sie durchaus in der Lage, jedem noch so schlechtgelaunten Mitmenschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Und das ist dieser Tage wichtiger denn je. Halle (Saale), Juli 2021

www.planerzirkel.de

Quellen:

JANSEN, Florian (2021): mündlicher Beitrag im SWR2 vom 26.01.2021. Online im Internet: URL:
https://www.swr.de/swr2/wissen/artenrueckgang-auch-allerweltspflanzen-sind-gefaehrdet-100.html [Stand 05.07.2021]. NAWRATH, Stefan (2018): Ökologisch hochwertige urbane Grünflächen - Wie geht das? Online im Internet: URL: http://www.bund-hochtaunus.de/uploads/media/Dr_Stefan_Nawrath_Artenvielfalt_auf_urbanen_ Gruenflaechen.pdf [Stand 06.07.2021]. NEUE ZÜRICHER ZEITUNG (NZZ) (2021): Heiss, heisser, Kanada: Hunderte Todesfälle bei fast 50 Grad Celsius. Online im Internet: URL: https://www.nzz.ch/panorama/heiss-heisser-kanada-temperaturen-steigen-im-westen-des-landes-auf-479-grad-ld.1633017 [Stand 01.07.2021]. STREIT, Bruno (2021): Artenvielfalt: Bedeutung und Begriffsklärung. In: BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG (BPB). Online im Internet: URL: https://www.bpb.de/gesellschaft/umwelt/dossier-umwelt/61283/bedeutung [Stand 05.07.2021]. SÜDDEUTSCHE ZEITUNG (SZ) (2021): Hitze, wie sie kein Mensch länger aushält. Online im Internet: URL:
https://www.sueddeutsche.de/wissen/hitzewelle-usa-kanada-medizin-klimawandel-1.5339808 [Stand 01.07.2021]. UMWELTBUNDESAMT (UBA) (2021): Häufige Fragen zum Klimawandel. Online im Internet: URL:
https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/klimawandel/haeufige-fragen-klimawandel
[Stand 06.07.2021]. VON DER DECKEN, Henrike (2019): Biodiversität in Deutschland: Artenvielfalt geht verloren. In: HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG. Online im Internet: URL: https://www.boell.de/de/2019/01/09/biodiversitaet-deutschland-artenvielfalt-geht-verloren [Stand 06.07.2021]. ZEIT ONLINE (ZEIT) (2021): Kanadisches Dorf brennt nach Hitzewelle nieder. Online im Internet: URL:
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-07/lytton-kanada-hitze-waldbrand-dorf-zerstoert
[Stand 02.07.2021].

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